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15. Kapitel

Erinnerungslücken, seltsame Namen und viele unnütze Ereignisse sorgen dafür, das (fast) nichts wichtiges geschieht.

 

Zwei Tage dauerte es, bis der Professor wieder in Ungnade in den Kreis des Teams aufgenommen wurde. Überraschenderweise war es nicht Au, die zuerst wieder mit ihm sprach. Ihre Haare wurden immer noch schwarz, sobald sie länger mit ihm an einem >Tisch sitzen musste. Aber auch das war immerhin ein Fortschritt, denn am ersten Tag hatten sich ihre Haare puterrot eingefärbt und die beiden anderen hatten alle Hände voll damit zu tun, sie von Übergriffen abzuhalten. Wer wusste, wen das Grinsen beim nächsten Mal schicken würde, wenn die vier bewiesen, dass sie nicht zusammenarbeiten konnten. Sie hatten bisher nur die Reinemachefrau und das Grinsen selbst kennen gelernt. Aber wenn die beiden irgendein Indikator für die Mitglieder dieser verbrecherischen Organisation waren, dann wollten Cleene und Fidster keine weiteren kennenlernen. Sie waren sich zwar nicht sicher, wie das Grinsen davon erfahren sollte, aber seit dem Besuch der stämmigen Frau fühlten sie sich konstant beobachtet. Und da keiner von ihnen ein Magier war, besaßen sie auch nicht die Möglichkeit entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Weil die Reinemachefrau nicht auf die Zeichensprache des ÖfAFödaBI reagiert hatte, fand diese Form der Kommunikation derzeit zumindest zwischen den beiden Feldpylonisten vermehrt Anwendung, aber Au war keine voll ausgebildete Angestellte und verstand daher nur wenige der Gesten. Ob der Professor gebärden konnte, interessierte sie bisher nicht, da sie kaum mit ihm Sprachen.

Letztendlich war es Cleene gewesen, die den Kontakt zu ihrem ehemaligen Boss wieder aufgenommen hatte, als sie ihn voller Enthusiasmus auf den Mord an der Haartanerin ansprach. Man musste dem Professor zu Gute halten, dass er nicht stolz auf seine Tat war, aber Cleene hatte ihn immer weiter gelöchert, bis er ihr endlich einige Fragen beantwortet hatte. Danach war der Bann wenigstens teilweise gebrochen gewesen und es gelang der Gruppe so etwas wie einen Burgfrieden herzustellen und wenigstens den grundlegendsten Benimmregeln zu folgen.

An diesem Abend hatten sie das Einsatzfahrzeug an einem Weiher abgestellt und nutzten die Gelegenheit, schwimmen zu gehen. Laut der ÖfAFödaBI-Regeln im Feld, Buch 1, Absachnitt 37, Paragraph 2 (Vorschriften zum Baden in Weihern, Seen, Bächen, Flüssen, Meeren und Tümpeln bei gemischten Teams. Das Baden in Kanälen war immer noch nicht geklärt und einige Beobachter fürchteten, dass es darüber zu einem Schisma im ÖfAFödaBI kommen würde), hatten die beiden Frau das Vorrecht, die erste halbe Stunde ohne die Männer zu Baden, was sie auch schonungslos ausnutzten. Genauso schonungslos ignorierte der Professor die Privatsphäre der Frauen und versuchte sie aus einem Versteck hinter einem Busch zu beobachten. Und obwohl Au ihrer Neigung nachgab und nackt badete, zog der Professor schließlich verärgert wieder ab. Das hatte zum einen damit zu tun, das Cleene ihn entdeckte und ihm mit Kies bewarf, zum anderen aber auch damit, dass die ungünstige Sonneneinstrahlung von dem Wasser von Aus fast weißer Haut so stark reflektiert wurde, dass er nicht viel mehr erkennen konnte, als ihre Position im Weiher.

„Sie haben ganz schön Nerven!“ schnauzte Cleene den hageren Mann an, sobald sie wieder angezogen war und er nackt vor ihr stand.

„Es war ein Versehen? Ich dachte, die Zeit wäre bereits um?“ fragte er hoffnungsvoll als Entschuldigung.

„Mit allem gebührenden Respekt, Herr Professor – und es tut mir leid zu sagen, dass ihnen meiner Meinung nach kein Respekt mehr gebührt – aber sie sollten es besser wissen. Kein Ausländer hat das Recht, eine Weh nackt zu sehen. Das ist das Privileg unserer Familie, welches sogar in den Gesetzen unseres Volkes niedergeschrieben steht.“ Die derzeit schwarzhaarige Haartanerin baute sich breitbeinig vor dem viel größeren Mann auf und stützte ihre Fäuste in die die Hüften.

„Tut mir leid, Au. Ich weiß nicht, was über mich gekommen ist.“

„Ich weiß genau, was über sie gekommen ist.“ Sie deutete kurz mit einem Blick auf seinen Unterleib, eine Bewegung, die ihr mit ihrer normalen Haarfarbe nicht möglich gewesen wäre. „Und ich weiß auch, dass sie wissen, dass ich nach den Gesetzen meines Landes jetzt das Recht habe, eine angemessene Strafe über sie zu verhängen. Aber ich werde es nicht tun. Noch nicht. Denn derzeit müssen wir den Schein wahren. Aber glauben sie nicht, dass ich es vergessen werde.“

„Nein, Au.“

Normalerweise wäre Cleene von Aus Ausbruch begeistert gewesen, hätte ihr vielleicht sogar applaudiert, selbst wenn Aus neue, haargebundene Persönlichkeiten auf sie immer noch die gleiche Wirkung hatte wie eine auf einem Streitross sitzende Maus in voller Panzerung mit einer drei Meter Lanze in der Hand und einer schweren Repetierarmbrüsten auf jeder Schulter: Man wollte lachen nahm aber lieber Abstand davon, um aus ihrem Weg zu gelangen.

Diesmal jedoch blieben ihre Gedanken mitten in ihrer Irritation an einem kleinen Wort hängen: „Weh? Dein Familienname ist ‚Weh‘?“

Au wandte sich ihr zu und sofort gelangte wieder ein wenig blau in ihre Haare. „Ja, Frau Cleene, wussten sie das nicht?“

„Nein, woher denn? Ich wusste nicht einmal, dass du einen Familiennamen hast.“

„Alle Haartaner haben einen. Nur Verbrecher verlieren ihren.“

„Gut, ja. Aber Weh? Du heißt ‚Au Weh‘?“

„Ja, das ist mein Name, Frau Cleene.“

„Aber wer gibt denn seinem Kind den Namen ‚Au’, wenn der Nachname ‚Weh‘ ist?“

„Wieso? Das war schon der Name meiner Großmutter, Haarwurzelweise. Meine Mutter Oh hat mich zu ihren Ehren benannt. Was finden Sie daran so seltsam?“

„Oh Weh?“

„Was ist jetzt wieder gegen ‚Oh‘ auszusetzen? Es ist ein sehr beliebter Name, besonders in der Yeh-Familie. Außerdem möchte ich sie höflichst auf ihren eigenen Namen hinweisen.“

„Was? Ich weiß nicht, was du meinst.“

„Cleene gurr Cleene? Sie tragen den Namen ihres Vaters.“

„Lass meinen Vater da raus.“

Und so ging es eine Weile weiter und Fidster, der abseits saß und das Zittern seines Teeentzugs zu unterdrücken versuchte, war dankbar, dass sie seine Namen nicht kannten.

 

Inzwischen nahmen Cleene und Fidster ihre eigentliche Aufgabe erheblich gelassener. Sie versuchten zwar immer noch ihre Quote zu erfüllen, ohne das ständige Drängeln und Meckern des Professors ließen sie sich jedoch mehr Zeit und vergrößerten einfach die Abstände zwischen den Pylonen, um wenigstens die Strecke einigermaßen zu schaffen. Der einzige Nachteil dieses Vorgehens war, dass sie so viel früher zum Wagen zurückkehrten und länger mit dem Professor auf einem Haufen sitzen mussten. Andererseits waren sie dies Au schuldig, die ihn den ganzen Tag ertragen musste, wenn auch seine Gesellschaft dem Anschein nach erträglicher geworden war.

An diesem Abend hatte Au sich wieder an den Tisch vor die Tür gesetzt. Ein weiteres Mal lagen die Steckbriefe vor ihr ausgebreitet und sie kritzelte an ihnen herum. Sie wirkte lustlos, und unkonzentriert. Cleene fürchtete nach dem Streit am Morgen für ihre schlechte Stimmung verantwortlich zu sein und stellte sich aus diesem Grund neben den Tisch.

„Was ist los, Au? Immer noch sauer wegen heute morgen?“

Au blickte auf und musterte Cleene für einen Augenblick, der der stehenden etwas zu lang vorkam.

„Nein, Frau Cleene. Ich komme nur nicht mit meiner Bildergeschichte weiter. Seitdem der Professor sich darüber lustig gemacht hat, dass ich immer mich selbst hineinschreibe, versuche ich etwas anderes zu malen.“

Sie hielt ein Blatt hoch, auf dem sie einen jungen Mann gezeichnet hatte. Er trug unverkennbar die Züge der Haartaner, obwohl das wenig Sinn ergab. Mehrere Steine schienen ihn zu umfliegen, wenn man die leicht verwischten Linien dahingehend interpretierte. Insgesamt war es eine interessante Darstellung von Felbens persönlichem, materiellem Schild aus rotierenden Steinen, wie Fidster und der Professor sofort erkannt hätten. Zumindest Fidster hätte dazu sicherlich kommentiert, dass dieser Zauber tatsächlich nur wenig schützte, tiefe Spuren im Boden hinterließ (sowie in Wänden und Decken, wenn man dumm genug war, ihn in geschlossenen Räumen zu verwenden) und hauptsächlich zur Einschüchterung von leicht zu beeindruckenden Gegner verwendet wurde. Aber Au, die um all diese Mängel wusste, fand, dass es cool aussah und offenbarte ihre Bilder deswegen auch nur Cleene, die sich gebührend beeindruckt zeigte.

„Cool. Wer ist er?“

„Ich habe ihn ‚Nur-So‘ genannt. Er ist das letzte Mitglied einer geheimen Bruderschaft von Magiern, die gegen dämonische Kreaturen aus der 42. Dimension kämpfen. Oder vielleicht ist er auch der Sohn des ermordeten Königs einer alten, unterirdischen Zivilisation, der verhindern muss, dass die Oberirdischen in sein Reich vordringen. Naja, ich kann mich nicht entscheiden. Das einzige, was ich sonst noch für meine Geschichte habe, ist sein ständiger Gefährte.“ Au zog ein weiteres Blatt hervor, wodurch einige Blätter zur Seite rutschten. Ihre Zeichnung zeigte ein offenbar schwebendes Wesen, dass hauptsächlich aus Zähnen zu bestehen schien, die sich in einer Art paradox aus drei Richtungen in sich verschlungenem Wirbel um zwei große Augen drehten. Irgendwo stachen noch drei Tentakeln hervor, es war jedoch schwer zu erkennen, ob sie aus einem der Augen oder den Zähnen erwuchsen. Es passte sich in seiner Scheußlichkeit perfekt in die Darstellungen auf Aus Tarotkarten ein. Seine annährend runde Gestalt und die großen, freundlichen Augen sprachen aber auch nach dem ersten Erschrecken das Kindchenschema an, so dass Cleene gegen besseres Wissen fast „Oh, wie süß“ ausgerufen hätte.

„Das sieht fast wie ein Heinriyug aus“, ließ sich plötzlich hinter ihnen die Stimme des Professors hören. Erschrocken drehten sich die beiden Frauen zu dem Mann um. Au drehte schnell die Zeichnung mit dem Magier/ Königssohn um. Für das andere Bild war es jedoch zu spät.

„Es heißt Mau-Mau. Und es ist bestimmt kein Heinriyug. Mau-Mau ist nur eine Hand groß. Ein Heinriyug hingegen misst bestimmt sieben Fuß und hat außerdem Stilaugen und ein großes Maul.“ Sie funkelte den hageren Mann an.

„Ich meinte auch die Larvenform.“

„Die schweben nicht.“ Aus Haar bekamen bereits einen roten Schimmer und Cleene legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter.

„Du hast natürlich Recht, Au. Ich wollte mich nicht aufdrängen. Es ist ein interessantes Monster. Aber warum sollte irgendjemand mit so einer Kreatur herumlaufen?“

Au verkrampfte sich etwas unter Cleenes Hand, holte aber tief Luft und die Spannung löste sich wieder ein wenig.

„Wenn sie es wissen müssen: Mau-Mau hat Nur-So aus seiner Kältestarre befreit, in den ihn die Feinde seines Ordens versetzt hatten. Oder sein Vater, weil er ihn schützen wollte. Dann wäre Mau-Mau auf die cryogenische Kapsel Nur-Sos gestoßen und hätte sie aus Versehen geöffnet. Andernfalls hätten Mau-Maus-Tentakeln magielösende Kräfte. Ich kann mich einfach nicht entscheiden.“

„Magielösende Tentakeln. Es sind immer magielösende Tentakeln.“ Au, die trotzig auf ihre Blätter geschaut hatte, drehte sich zum Professor um. Seitdem sie ihn kannte, hatte seine Stimme noch nie so abwesend geklungen. Und wirklich war sein Blick in eine Ferne gerichtet, in der er Dinge sah, die niemand anderes sehen würde.

„Was ist los?“ stellte Cleene die Frage, die Au aus Trotz niemals gestellt hätte. Der Professor benötigte einen Augenblick, um in die wirkliche Welt zurückzukehren. Als er zu den beiden Frauen hinuntersah, versuchte er sie anzulächeln, scheiterte jedoch kläglich. Die Haartanerin hätte die Sache lieber auf sich bewenden lassen, denn je eher der Professor aus ihrem Rücken verschwand, desto schneller konnte sie mit ihrer Bildergeschichte fortfahren.

„Na, raus mit der Sprache. Nach allem, was in letzter Zeit passiert ist, interessiert mich jede Kleinigkeit aus ihrem Leben.“

„Warum sollte dich mein Leben interessieren?“

„Vielleicht, weil ich sie besser quälen kann, wenn ich mehr über sie weiß.“ Als der Professor die Augenbrauen hochzog, fügte Cleene schnell hinzu: „Vielleicht auch, weil alles in letzter Zeit mit dem großen Grinsen zu tun hatte und sie ganz tief mit drin stecken. Außerdem schulden sie uns noch einiges.“

Der Professor nickte müde, sah sich nach einer Sitzgelegenheit um und fand sie schließlich gegenüber von Au am Tisch. Einen Moment lang zögerte er noch, als suchte er nach den richtigen Worten. Au vermutete jedoch, dass er einfach die Gelegenheit nutzte, um eine dramatische Pause einzulegen.

„Ihr müsst verstehen, dass ich nicht gerne darüber spreche. Was ich euch jetzt erzähle wühlt viele schmerzhafte Erinnerungen auf. Es mag euch seltsam erscheinen, aber Ich war nicht immer der Professor.“ Cleenes leises „Ach nee“ ging im weiteren Erzählfluss unter, auch wenn Au für einen Moment irritiert war, was die berühmte haartanische Philosophin damit zu tun hatte und woher Cleene sie kannte. Sie hatte auf Au noch nie den Eindruck gemacht, dass sie zu irgendeiner Form von Beschäftigung neigte, die ihren Verstand übermäßig anstrengen könnte.

„Einst war ich ein junger Wissenschaftler, talentiert, angesehen und furchtbar verliebt in meine Kollegin Vouea Mourir. Natürlich werdet ihr jede Beteuerung, dass sie die brillanteste, schönste und liebevollste Frau der Welt war, als Schwärmerei eines alten Narren abtun, aber so lebt sie in meiner Erinnerung fort. Wir waren unzertrennbar und arbeiteten an fast allem gemeinsam. Als sie vorschlug, dass wir uns bei der ÖfAFödaBI bewerben sollten, begleitete ich sie natürlich und wir begannen unsere Arbeit am selben Tag und im selben Labor. Gleichzeitig mit uns begann ein junger, talentierter Magier im amt. Er war charmant, intelligent und überaus gebildet. Wir freundeten uns schnell an und er ergänzte unsere kleine Runde aufs Beste. Es gab keine Eifersucht und keinen Neid zwischen uns. Sein Name ist heutzutage in aller Munde. Wie immer werde ich ihn jedoch nicht aussprechen.“

„Meinen sie Zwackelmann?“ Mit diesen Worten gesellte sich jetzt auch Fidster zu ihnen. Er war etwas zurückgeblieben, um noch etwas in den Gebüschen zu erledigen.

Der Professor legte eine Hand vor die Augen und schüttelte leicht den Kopf. „Wie oft soll ich dich noch daran erinnern, seinen Namen nicht auszusprechen?“

„Bisher ist nichts geschehen, nicht wahr?“

„Oh, Fidster! Du kommst aber auch immer zur falschen Zeit. Erzählen sie weiter.“

Der Professor warf Fidster noch einen strengen Blick zu, den jener jedoch mit einem Lächeln erwiderte.

„Wie ich bereits sagte, lernte ich damals diesen besagten Zauberer kennen. Und wir waren bald unzertrennlich. Ja, so könnte man es ausdrücken, unzertrennlich. Nur wenn ich mit Vouea zusammen war oder studierte war der Magier nicht dabei.“

Au nuschelte ein „wer hätte das bei dem alten Lüstling gedacht“, was niemand außer Cleene hörte, die ihr dafür ein anerkennendes Nicken schenkte.

„Ich half ihm bei einigen Experimenten, was vielleicht ein Fehler war. Anfänglich beschäftigte er sich hauptsächlich mit der Chimärologie, die er …“

„Der was?“ unterbrach Cleene seinen Erzählung.

„Der Wissenschaft vom Kreuzen verschiedener Wesen. Von ihm haben sie das also gelernt, Professor. Wie hieß das Viech noch mal? Pummel?“

„Purzel“, korrigierte Au Fidster automatisch.

„Purzel war ein voller Erfolg und entsprach genau den Erwartungen. Aber darum geht es hier gar nicht. Es geht um das Wesen, dass jener Zauberer damals erschuf. Wie Aus Miau-Miau …“

„Mau-Mau“, meldete sich erneut Au.

„Könntet ihr bitte aufhören, mich ständig zu unterbrechen? Es ist schwer genug, diese Ereignisse zu berichten.“

„Das habe ich neulich auch gesagt. Die beiden können einfach nicht still sein.“

„Du hast doch auch unterbrochen.“

„Ich habe doch gar nicht unterbrochen.“

„Doch.“ Diesmal blickte Au verwirrt auf. Ihre Einsilbigkeit begann sie selbst zu irritieren. Für einen Augenblick schwiegen alle, bis der Professor seinen Faden wieder aufnahm.

„Wie Aus Mau-Mau hatte das Wesen Tentakeln, die Magie aufheben konnten. Deswegen musste ich an die ganze Begebenheit denken. Er hatte es aus einer Laune heraus geschaffen. Als einen Witz. Im Grunde hatte er einen Esel mit einem Tintenfisch gekreuzt und noch etwas draufgelegt. Es kam nur schwer voran, konnte sich aber kopfüber mit den Tentakeln von einem Balken zum nächsten Hangeln. Da es aber im Grunde lebensunfähig war, entschloss er sich dazu, es cryogenisch aufzubewahren, bis ihm etwas besseres einfiel, als es zu töten. Hätte er es damals doch bloß getötet. Wichtiger noch: hätte er sich doch mehr Gedanken darüber gemacht, welche Nahrungsmittel seine Kreation benötigte.“ Für einen weiteren Moment hielt er inne, aber ausnahmsweise wagte niemand, ihn zu unterbrechen.

„Es kam, wie es kommen musste. Niemand dachte mehr an das Wesen, als die Zeit des Chaos begann und jemand den Hauptturm auflöste. Die Erschütterung im Magienetzwerk sorgte für eine Unterbrechung der Energieversorgung in den cryonischen Einheiten des ÖfAFödaBI, so dass die meisten eingefrorenen Dinge starben. Nicht jedoch der Esel-Tintenfisch-Hybrid. Der Magier hatte zu gute Arbeit geleistet. Vouea und ich unternahmen gerade einige Experimente in einem angrenzenden Raum, als sich das Monster befreite. Mit seinen Tentakeln durchbrach es alle Absperrungen. Es war benebelt vom langen Schlaf, hungrig und seine Ausgangssituation als ein Wesen, welches sich nur über Kopf fortbewegte, stattete es von vorne herein nicht mit der besten Disposition aus. Wir kämpften, oh, wie wir kämpften! Vouea schleuderte ihm jeden Zauber entgegen, den sie im Repertoir hatte. Ich selbst schlug mich tapfer mit allem, was ich greifen konnte: Kettensägen, Skalpellen, Feuerballstäben und Säuren. Aber der Magier hatte sehr viel Wert auf die Verteidigungen seiner Schöpfung gelegt. Es war schnell, es war stark. Seine Haut widerstand den Säuren, dem Feuer und der Kälte. Jede Verletzung, die wir ihm zufügten schien es nur wütender zu machen. Am Ende waren wir nicht stark genug und Vouea starb unter den Tentakelangriffen dieses Monsters. Erst als es sich zum Fressen auf die Leiche meiner Geliebten stürzte, gelang es mir, ihm eine tödliche Wunde beizubringen.“

Alle schwiegen, bis Cleene etwas zu laut fragte: „Ist das auch wahr?“

Der Professor wirkte ernstlich verletzt, als er antwortete: „Natürlich. Warum sollte ich mir so etwas ausdenken?“

Aus und Cleenes Blicke wandten sich automatisch Fidster zu, der plötzlich etwas Schmutz unter seinen Fingernägeln fand.

„Ach, aus keinem besonderen Grund. Nur dass sie danach noch Wauzi …“

„Purzel.“

„äh, ja, Purzel erschaffen haben. Da wundert man sich doch.“

„Was wundert man sich?“ fragte der Professor jetzt etwas verärgert.

„Ich meine nur. So schlechte Erfahrungen und sie machen genau dasselbe wie der Magier, dessen Namen wir nicht aussprechen sollen. Und Putzel …“

„Purzel!“

„Ist ja gut! Purzel! Der verwüstet auch alles. Und sie sind ein Professor!“

„Was soll das denn heißen?“

„Ich glaube, dass Cleene sagen will, dass man von einem Mann ihrer Bildung erwartet, dass er aus Fehlern lernt, selbst wenn sie von anderen gemacht werden.“ Fidster grinste zu Cleene hinüber, die ihn aber gar nicht beachtete. Stattdessen starrte sie auf einen der Steckbriefe, auf denen Au herumgekritzelt hatte. Nur war sie bei diesem einen Bild den umgekehrten Weg gegangen und hatte etwas entfernt. Das Gesicht, welches Cleene entgegenblickte, war ihr vertraut. Sie kannte es besser als sie es nach ihrem eigenen Dafürhalten hätte kennen sollen. Natürlich hatte sie sie bereits gesehen, schließlich hatte ihr die Frau einen Bolzen in den Kopf geschossen. Seitdem hatte aber immer etwas an ihr genagt und jetzt wusste sie, was sie gestört hatte.

Au hatte die Narben entfernt. Eine beachtliche Leistung, auch wenn es nicht ganz perfekt ausgeführt war. Aber vermutlich hatte sie nur so aus Spaß an dem Bild herumgekritzelt. Die meisten Blätter, die Cleene gelegentlich aus dem Mülleimer holte, waren solche Kritzeleien. Au behauptete, sinnloses Zeichnen würde sie entspannen, wenn man sie jedoch dabei beobachtete, war sie bei diesen kleinen Übungen genau so konzentriert wie beim Zeichnen der Bildergeschichten oder ihrer Tarotkarten.

Cleene nahm das Blatt in beide Hände, während die anderen ihr schweigend zusahen. Sie betrachtete es noch einen Moment und hielt es dann in die Höhe, um zu verkünden:

„Ich weiß, wer das Grinsen ist.“

 

 

Verwendete Tropen:

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Abgelehnte Tropen:

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