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4. Kapitel

Ein Trauma sowie eine handwerkliches Katastrophe an Uterinen Replikatoren führen zu einem heiligen Symbol.

 

„Heißt es nicht ‚Man muss das Eisen schmieden, bis der Hammer bricht‘?“ Mit diesem Satz stürzte sich ihr neuer Bekannter in die Höhle. Es war nicht das erste Mal an diesem Tag, dass sich Cleene und Fidster fragend, ja fast verzweifelt, anblickten.

Der junge Mann war auf den Einsatzwagen gestoßen, gerade als die beiden sich für ihre heutige Erkundungstour bereit gemacht hatten. Er hatte das Team mit einem fröhlichen „Mögen die Götter euch organisieren“ begrüßt und von da an nicht mehr aufgehört, irritierende Äußerungen und verdrehte Sprichwörter von sich zu geben. Allerdings hatte er sie auf etwas Interessantes hingewiesen, zumindest wenn man den Worten des Professor Glauben schenkte.

„Sie ist groß, groß wie das Maul eines Jabberwocks in den Augen einer Ameise.“

„Große Höhlen sind jetzt nicht so interessant“, hatte Cleene geantwortet. Der Mann, der sich kurz zuvor als Gakunen vorgestellt hatte („Wie ein Huhn, das man am Hals packt und in die Länge zieht.“), hatte nur abgewunken.

„Aber das was drin ist, ist wichtig. Lauter durchsichtige Schweinsblasen, sauber aufgehängt wie eine Räuberbande. Und in allen stecken Menschen drin.“

„Menschen?“ warf der Professor ein, bevor einer der beiden Pylonisten einen wertfreien Kommentar über die geringe Größe von Menschen in Schweinsblasen abgeben konnte. „Sag mir Gakunen: waren dort Schläuche, die zu diesen Blasen führten? Haben sich die Menschen bewegt? Waren noch andere Apparaturen in der Höhle?“

„Ich weiß nicht, was Apparaturen sind, aber Schläuche waren dort überall. Und manche haben gezuckt. Nicht die Schläuche. Die Menschen natürlich. Aber ich habe nicht viel gesehen. Als das Baby den Schlauch in den Mund gekriegt hat, bin ich weggelaufen.“

„Babys gibt’s da auch?“

„Natürlich Fidster. Was glaubst du denn? Die Menschen kommen da doch nicht vollkommen ausgeformt hinein. Hast du denn gar nichts in der Schule gelernt.“ Als ihm der Angesprochene die Zunge rausstreckte, bemüßigte sich der Professor zu einer weitschweifenderen Antwort: „Ich bin mir sicher, dass es sich um Uterine Replikatoren handelt. Und für jene, die keine anständige Bildung genossen haben“ – ein Blick zu Cleene – „es handelt sich dabei um eine Technik, Menschen zu züchten, die vom GSRdiKdR auf Anraten der ÖfAFödaBI verboten wurde, da damit viele bestimmbare Risiken verbunden sind.“

„Sie wollten unbestimmbare Risiken sagen.“

„Nein, ich wollte bestimmbare Risiken sagen. Denn die so gezüchteten Wesen stehen für gewöhnlich unter der Kontrolle ihres Erschaffers, besitzen überzogene körperliche Eigenschaften und sind, so man sie nicht beaufsichtigt, sehr instabil.“

„Ah!“ setzte Fidster an, wurde aber gleich darauf von Gakunen unterbrochen.“

„Keine Ahnung, was das alles bedeuten soll, aber es klingt für mich wie eingesperrt mit einem Schwarm Fremenwespen, einem Höhlenbären und zwei Deichkrokodilen.“

Die vier Kollegen schwiegen in stiller und fassungsloser Kontemplation, bis der Professor schließlich nickte und sagte: „Ja, es ist sehr gefährlich.“

 

Daher waren sie jetzt hier und durchschritten den von vorgelagerten Felsen verborgenen Eingang.

„Ich würde ihn ja zu gerne fragen, wie er das hier gefunden hat und was er hier zu suchen hatte. Aber ich fürchte, dann wird er wieder irgendein Sprichwort zu Tode quälen.“

„Ich weiß genau, was du meinst, Cleene.“

Sie hatten bereits ihre Nachtsichtbrillen hervorgekramt, als Gakunen eine Fackel entzündete.

„Wie altertümlich“, stellte Fidster mit einem enttäuschten Blick auf das flackernde Licht fest. Solange die Fackel brannte, waren ihre teuren Geräte nutzlos. Allerdings hätte sich ihr Pfadfinder ohne die Fackel nur vorantasten können.

„Wieso? Was würdest du verwenden, wenn du keine Brille zur Verfügung hättest?“

„Vermutlich eine Glimmerlampe.“

„Gut, das ist natürlich eine Option. Aber die wenigsten haben so viel Geld wie deine Familie.“ Einen Moment schwieg Cleene, aber die Frage brannte ihr zum wiederholten Mal auf der Zunge: „Du hast mir nie gesagt, wie reich ihr tatsächlich seid.“

„Ich bin nicht reich. Ich habe mich von meinen Eltern abgewandt.“

„Und wie reich sind deine Eltern?“

„Habe sie nie gefragt. Komm schon, wir sollten Gakunen nicht aus den Augen verlieren.“

„Irgendwann krieg ich es noch aus dir raus.“

„Wenn du meinst.“ Er warf einen Blick zurück und wieder nach vorne. „So einen Weg findet man doch nicht zufällig. Da muss einen schon die Neugier getrieben haben. Hey, Gakunen! Du musst mir wirklich erklären, warum du diesen ganzen Weg auf dich genommen hast.“

Cleene blickte ihren Partner mit Entsetzen in den Augen an.

„Ihr wisst ja, wie es ist: Neugier ist der beste Esser.“

Das Klatschen hallte laut durch den Gang, als Cleenes Hand ihre Stirn traf. Der Schmerz von außen konnte die Schmerzen im Innern ein wenig dämpfen.

„Es ist auch nicht mehr weit“, fügte ihr Führer hinzu. Sie hielten die Luft an, das Sprichwort blieb jedoch aus und wenig später erblickten sie die Höhle, an deren Eingang sie sich wie Ameisen vorkamen, die in das Maul eines Jabberwocks blickten.

„So ging es mir auch: Vollkommen meinen Check gegen Awesome gepatzt.“

Cleene und Fidster stellten im Nachhinein fest, dass sie an diesem Tag viel gelernt hatten. Dies war der Moment, da sie lernten, dass man niemals ausreichend in Ehrfurcht erstarrt sein konnte, um nicht durch das Gebrabbel von Gakunen in Schockstarre versetzt zu werden.

Schließlich gelang es ihnen jedoch, die ungeheure Zahl der von der Decke hängenden Replikatoren zu erfassen. Sie hingen nicht nur auf einer Eben. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, drei weitere Etagen aus Balken und Brettern einzuziehen, um noch mehr menschengefüllte Schweinsblasen aufhängen zu können. Cleene trat näher an die erste heran und betrachtete die Gestalt darin. Es schien ein Mann zu sein, wobei der Mangel an Geschlechtsorganen schwere Zweifel auf diese Feststellung warf. Cleene schloss in Gedanken den Kompromiss, dass der haarlose Körper männlich wirkte, selbst, wenn er kein Mann war. Allerdings war sie sich noch nicht sicher, ob er, nur weil er äußerlich alle Merkmale eines Menschen aufwies, auch wirklich ein Mensch war.

Dann fiel ihr ein, dass der Professor etwas von Schläuchen gesagt hatte und sie richtete ihre Aufmerksamkeit weg vom Inhalt und hin zur Hülle. Als ihre Augen endlich die Aufhängung erreichte, entdeckte sie den Schlauch, der im Ansatz mehr einem Rohr glich und das Gewicht der Blase in der Aufhängung hielt, ohne dabei jedoch einzuknicken. Von dort zog er sich zur nächsten Aufhängung und vereinigte sich mit einem zweiten Schlauch. Auf diese Weise ging es zum dritten, vierten und immer weiter.

Cleene begann dem Bündel zu folgen und Fidster folgte ihr. Gakunen war vergessen und seine Rufe ignoriert, während sie ihre Nachtsichtbrillen aufsetzten.

Als sie den Ursprung der Schläuche erreichten, blieb Cleene schlagartig stehen. Fidster war dieses Verhalten bereits gewöhnt. Aus diesem und auch anderen Gründen hielt er immer ein wenig Abstand zu ihr, wenn er hinter ihr herlief. Da er dabei aber immer etwas mehr auf sie als auf seine Umgebung achtete, sah er erst etwas später, auf was sie zugesteuert waren.

Vor ihnen erhob sich ein gewaltiger Kessel, dessen Rand fast die Decke berührte. Die Schläuche liefen in dicken Bündeln an seiner Seite hinunter und fanden jeder für sich einen Anschluss am Boden des Behälters. Jemand hatte über einen guten Teil der Front ein großes Schild angebracht, auf dem sich eine lange Linie in einem Bogen einmal von oben nach unten und wieder nach oben zog. An beiden Enden wurde die Linie von jeweils vier kurzen, geraden Linien senkrecht gekreuzt. Es erinnerte Fidster an nichts bestimmtes, Cleene jedoch legte ihren Kopf schief und schien zu grübeln.

„Kennst du das Zeichen?“

„Nein. Es war nur …“

„Was?“

„Ach, nichts. Ist unwichtig.

„Wenn du es sagst. Sah aber nicht so aus.“

Cleene hörte ihm jedoch schon nicht mehr zu. Stattdessen hatte sie einen Schritt auf einen vielleicht fünf Ellen breiten Kasten zu gemacht, auf dem unzählige kleine Leuchten in einem schwachen Licht glommen. Als auch Fidster nähertrat, konnte er sehen, dass sich um jedes Licht herum fünf Erhebungen befanden neben denen wiederum jeweils ein Wort eingraviert war. Zögernd senkte Cleene ihre Rechte mit ausgestrecktem Zeigefinger auf eine dieser Erhebungen und stieß ein leises, manisches Kichern hervor, als er sich senkte. Fidster konnte ein klicken hören und irgendwo hinter ihnen begann etwas, gurgelnde Geräusche zu verursachen.

Bevor Cleene noch einen weiteren Knopf drücken konnte, hielt Fidster ihre Hand fest. Vor ein paar Wochen, als er sie endlich von dem Seil abgeschnitten hatte und ihre ersten Beschimpfungen erstorben waren, hatte sie sich für einen Moment umgedreht und noch ein paar Mal auf das Tastenfeld an der Tür gedrückt. Seitdem hatte Fidster immer wieder beobachtet, wie seine Kameradin vor den Geräten des Professors gestanden hatte und jedes Mal war der Ablauf derselbe gewesen: Zuerst hatte sie nur auf all die Regler, Schalter und Knöpfe geblickt, dann war langsam eine Hand in Richtung des Gerätes gewandert, um gleich darauf zurückgezogen zu werden. Wenig später hob sich die Hand erneut, gelangte dieses Mal ein wenig näher an einen der Knöpfe und entfernte sich wieder. Irgendwann erreichte eine Fingerspitze einen Knopf und drückte zu. Erst dann schien es Cleene möglich zu sein, sich wieder sinnvollen Dingen zuzuwenden.

Natürlich drückte sie normalerweise keine Knöpfe, wenn sie wusste, dass man sie beobachtete, aber Gespräche mit Au und dem Professor bestätigten, dass es öfter vorkam, als selbst Fidster vermutet hatte. Nicht auszudenken, was sie mit diesem Tick hätte anrichten können, wenn der Professor nicht rechtzeitig dazu übergegangen wäre, seine Geräte von alle Energiequellen abzukoppeln, so dass die Knöpfe letztendlich nichts mehr anrichten konnten, als ein leises Klick hervorzubringen.

Hier hatte jedoch niemand den Stecker gezogen und das Geräusch hinter ihnen verhieß nichts Gutes.

Deshalb legte Fidster seinen Rucksack ab, was nicht ganz leicht war, da er weiterhin versuchte, Cleenes Hand festzuhalten. Er hatte mit der Hilfe des Professors ein kleines Gerät gebaut, dass er speziell für diese Situationen bei sich führte. Es bestand aus einem Tastenfeld auf einem handgroßen Metallkasten. Jeder Tastendruck gab ein unaufdringliches aber gut hörbares Klicken von sich, während die Taste nach unten versank, um anschließend wieder nach oben zu schnellen. Fidster war ein wenig Stolz auf dieses Gerät, das zwar an sich sinnlos war, in seiner Simplizität jedoch nahezu genial.

Und tatsächlich sprach Cleene sofort auf Fidsters Erfindung an, nachdem sie kurz zuvor noch halbherzig versucht hatte, sich aus seinem Griff zu lösen, um endlich wieder auf dem Pult herumdrücken zu können. Sie nahm den Tastenfeldsimulator in die Linke und begann manisch auf den Tasten herumzudrücken. Ein leises Schnurren war zu hören, als sie feststellte, dass jede Taste einen anderen Ton von sich gab, sobald sie ganz heruntergedrückt war. Ein paar piepten zusätzlich zum Klicken, ein paar läuteten, der Rest klickte nur in unterschiedlichen Tonhöhen.

Sobald Fidster sicher war, dass seine Kollegin keine Gefahr mehr für das Pult darstellte, begann er die Schrift neben den Knöpfen zu lesen. Einmal im Uhrzeigersinn stand dort: Nahrung, Wecken, Abkoppeln, Euthanasie und Auflösen. Angesichts der künstlichen Natur der Wesen hinter ihm klang das sinnvoll, wenn auch ein wenig kalt. Man durfte nur nicht zu sehr darüber nachdenken, dass sie Menschen ziemlich ähnlich sahen.

Leider konnte er nicht feststellen, welchen Knopf Cleene bereits gedrückt hatte, daher entschied er sich, die Reihen abzugehen, um nicht später eine böse Überraschung zu erleben. Mit einem letzten Blick auf die schnellen Fingerbewegungen, ließ er Cleene zurück und wusste doch tief in seinem Inneren, dass er sie lieber hätte mitnehmen sollen.

Als er in den ersten Gang einbog, konnte er Gakunen nicht sehen, da jener immer noch seine Fackel trug und Fidster die Nachtsichtbrille nicht abgelegt hatte. Er benötigte einige Augenblicke, um in der Dunkelheit wenigstens wieder Schemen wahrnehmen zu können. Es wäre nur halb so schlimm gewesen wenn nicht …

„Ich habe ein Geräusch gehört und da dachte ich mir: Wo ein Geräusch ist, da ist auch Feuer. Was mich natürlich daran erinnert hat, dass ein Löffel voll Tat besser ist als ein Löffel voll Rat, weswegen ich mir dachte, dass wir nach der Ursache suchen sollten.“

Fidster hielt mitten im Augenreiben inne. Hatte Gakunen tatsächlich aus Versehen ein Sprichwort richtig verwendet? Das schien nach all den schmerzhaften Aussprüchen so wahrscheinlich zu sein, wie, dass Au den Professor dazu brachte, ihr die Haare grün zu färben.

„Da vorne ist ein Kontrollpult und Cleene hat einen Knopf gedrückt. Vermutlich hat sie etwas in Gang gesetzt. Du gehst am besten die Gänge dort drüben ab, während ich die anderen Seite nehme.“

„Ich werde eilen wie ein Lachs unter Tränen.“ Und damit war die Realität in Fidsters Welt wieder hergestellt.

Mit zusammengekniffenen Augen blickte Fidster dem Mann nach und machte sich dann selbst auf den Weg, sobald er wieder etwas durch die Nachtsichtbrille erkennen konnte.

Er durchschritt seine dritte Reihe und war bereits in der Nähe des Eingangs angelangt, als er endlich auf das stieß, was sie die ganze Zeit gesucht hatten. Er hätte es fast übersehen, wäre nicht gerade in dem Moment, als er an der Blase vorbeischritt, ein Glucksen zu hören gewesen. Als er sich dem Geräusch zuwandte, erkannte er, dass sich die Flüssigkeit dieses einen Replikators getrübt hatte und kaum noch etwas von dem Wesen im Innern zu erkennen war. Er spähte angestrengt hinein, bis er die sich auflösende Masse als das erkannte, was er gesucht hatte.

Es gab Augenblicke in seinem Leben, da wünschte er sich, etwas Gesehenes ungesehen machen zu können. Dies war keiner dieser Augenblicke, denn verstümmelte Körper hatte er, seitdem er mit Cleene unterwegs war, zur Genüge gesehen. Trotzdem verspürte er kein gesteigertes Bedürfnis, an diesem Ort zu verweilen, weswegen er nach Gakunen rief und sich auf den Rückweg zu Cleene machte.

Plötzlich überkam ihn ein grauenvolles Gefühl der Vorahnung, und er konnte sich nicht entscheiden, ob es das Grauen vor dem bekannten oder vor dem unbekannten war. Doch nachdem Gakunen ihn mit einem fröhlichen „Du hast es gefunden? Das Glück ist mit den Stoffumwickelten“, entgegengeschmettert hatte, wusste er, dass es letzteres war. Und als aus einiger Entfernung ein lautes Klatschen zu hören war, gerade so, als wenn ein nackter Körper auf den steinigen Boden auftraf, rannte er zurück zu seiner Kollegin.

Cleene atmete heftig und ihre Tastenanschläge fielen schwerfällig auf den Tastensimulator, aber noch immer beschäftigte sie sich mit der Attrappe und nicht mit dem Pult, wobei ihr Lächeln verriet, dass sie durchaus mit ihrem Los zufrieden war. Fidster konnte noch schnell die Überlegung anstellen, dass er für bestimmte Tastenkombinationen irgendeinen Belohnungsmechanismus einbauen sollte, damit Cleene irgendwann auch aufhören würde, als ihm auffiel, dass sie den Simulator nicht mehr in der Hand hielt.

Stattdessen lag er auf dem Pult, wo er unter den Berührungen ihrer Finger hin und her wanderte. Was Fidster erst beim zweiten Blick auffiel, war der marode Zustand seiner kleinen Erfindung.

Wie konnte eine einzelne Person in so kurzer Zeit einen Kasten aus Metall und Holz nur auf diese Weise zurichten?

Diese Frage verdrängte beinahe die Erkenntnis, dass nicht nur der rutschende Kasten die Knöpfe des Pults herunterdrückte. Durch den durchlöcherte Boden des Simulators fanden auch immer wieder die Enden der Tasten Ziele auf der großen Metallplatte.

„Das sind wir wohl vom Regen in die Pfanne geplumpst.“

„Ich halte es nicht mehr aus! Warum tust du unschuldigen Sprichwörtern so viel Leid an? Warum nur? Warum? Und warum rege ich mich gerade jetzt über deine Sprichwörter auf, wenn hinter uns hunderte Säcke aufplatzen?“

Gakunen drehte sich demonstrativ um. „Einige ziehen sich auch zusammen oder werden ganz trübe. Wie sagt man so schön …“ Mehr brachte er nicht mehr heraus, weil er plötzlich von der Seite gepackt und kräftig durchgeschüttelt wurde.

„Cleene? Hätte ich gewusst, dass Gakunen dich vom Knöpfedrücken abhalten kann, hätte ich dir gar nicht meinen Tastensimulator anvertraut.“

„Hätte ich es gewusst, hätte ich ihn vielleicht draußen festgebunden. Das hält doch niemand aus. Ich war so entspannt.“

„Musst du wohl gewesen sein, wenn du nicht mal mitbekommen hast, dass deine Finger bluten.“

Cleene ließ von ihrem gut durchgerüttelten Begleiter ab und betrachtete ihre Hände. „Oh!“

„Mehr hast du nicht zu sagen?“

„Ich glaube dein Gerät ist kaputt. Die Kanten sind ein wenig scharf. Oder war das Absicht?“

„Als ich es dir gegeben habe, war alles ordentlich glattgeschmirgelt.“

„Dann hättest du es wohl etwas stabiler bauen sollen.“

„Stahl und Eiche? Was soll ich denn deiner Meinung nach verwenden?“

„Titan und unbewusstes Apfelholz.“

„Unbewusstes Apfel… Weiß du eigentlich wie …? Verdammt! Das spielt jetzt doch gar keine Rolle! Hast du überhaupt mitbekommen, was du mit deinem Rumgedrücke angerichtet hast?“ Mit einer ausholenden Armbewegung deutete er einmal auf all die Reihen voller Replikatoren, die sich nach und nach auf die eine oder andere Weise ihrer Inhalte entledigten.

„Ich bin doch nicht blind!“

„Und was machen wir jetzt?“

„Was fragst du mich das? Du hast dieses kaputte Ding gebaut und mir in die Hand gedrückt.“

„Haha! Wer suchet, der wird gesteinigt!“ meldete sich in diesem Moment Gakunen. Er war einmal um das Pult herumgegangen und stand nun an dem Bottich. Mit seiner Fackel leuchtete er eine weitere Schalttafel an. Nur fünf Knöpfe, kein Lämpchen. Als die beiden Pylonisten näher traten, konnten sie die Plakette lesen, die darüber angebracht war: „Zentrale Generalkontrollknopfleiste“.

„Ein Schüler des Professors aus seinem Seminar zur Benennung simpler Dinge?“

„Dafür gibt es Kurse?“

„Ja, Gakunen. Es ist der Vorbereitungskurs für das Seminar zur Benennung komplizierter Dinge.“

„Ihr nehmt mich doch auf den Arm.“

„Wir? Niemals.“ Während Cleene dies sagt hob sie bereits ihre Hand in Richtung der Schalter. Fidster hatte jedoch nur darauf gewartet und hielt sie fest. Für einen Augenblick blickten sie sich mit versteinerten Blicken an. Ein Augenblick der Stille, die nicht einmal Gakunen zu durchbrechen wagte. Ein Augenblick, in dem sie endlich wieder die Geräusche hinter sich hören konnten.

Als sie sich umwandten, waren in dem schwachen Schein der Fackel die ersten bleichen Gestalten in den Gängen zu erkennen, die sich langsam auf das Licht zu bewegten.

„Was sagt ihr? Fleischgolems? Unverwundbar durch nicht-magische Waffen und immun gegen alle gedankenbeeinflussende Zauber?“

„Wo hast du das denn her?“

„In meiner Heimat haben wir Handbücher über Monster. Darin findet man ziemlich genaue Werte und Beschreibungen zu den häufigsten Wesen. Und jedes Jahr kommt ein neues raus.“

„Du meinst Bestiarien? Wie sie leben, was sie essen und so was?“

„Nein, nein. Sowas interessiert doch nur Kissenpupser. In den Handbüchern steht vor allem drin, wie man sie töten kann. Ihr wisst schon: ‚Ein Golem am Morgen, einen Hammer musst borgen‘. Oder ‚Brüllt der Basilisk auf dem Mist, bleibst du Stein wo du bist‘. Sowas halt.“

„So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört. Könnte von Au stammen.“

„Nein, Au hat mehr verstand, auch wenn sie immer noch ihre Karten legt.“

„Und was für Karten. Hast du sie dir schon mal von ihr legen lassen?“

„Nie wieder.“

„Ich will euch ja nicht stören, aber die Golems sind nur noch so weit entfernt, wie ein Schwein drei und ein Fünftel Mal springen könnte.“

„Kann ich jetzt auf die Knöpfe drücken?“

„Lass uns wenigstens zuerst kucken, was drauf steht.“

„Das gleich wie bei den anderen, hab’s schon gelesen.“

„Dann wäre es wohl an der Zeit ‚Euthanasie‘ zu drücken.“

„Aber gerne doch.“

Der Knopf glitt geschmeidig in die Platte und gab ein befriedigendes Klicken von sich, als er seinen Endpunkt erreichte. Cleene grinste zufrieden.

Sie grinste so lange, bis ein lautes, vielfaches Klatschen zu hören war, gefolgt von dem Geräusch unzähliger Körper, die auf die Erde aufschlugen.

„Welchen Knopf hast du gedrückt?“

„‘Euthanasie‘ natürlich. Was denkst du denn?“

„Das kann nicht sein.“

„Kuck! Ich habe sogar noch den Finger drauf.“

Inzwischen wurde die Luft immer feuchter und Gakunens Fackel begann zu flackern.

„Wir sitzen hier fest wie die Maden im Speck.“

„Nur nicht so satt.“

„Ermutige ihn nicht auch noch. Drück lieber irgendwas anderes.“

„Warum? Offensichtlich funktioniert das hier nicht richtig.“

„Vielleicht sind sie falsch verdrahtet.“

Obwohl Cleene mit einem „na gut“ antwortete, zog sich bereits ein Grinsen über ihr Gesicht.

Eine Sirene erklang. Es war kein unangenehmer Ton, sondern viel mehr ein lieblicher Gesang, der alle anwesenden zu locken schien. Anscheinend war es jemandem gelungen, die Laute, die jene Vogelfrauen von sich gaben, einzufangen und abrufbar bereit zu stellen.

Leider kam der Gesang direkt von ihrem Standort und brachte selbst die verletzten Menschendinger dazu, sich in ihre Richtung zu bewegen, humpelnd, kriechend und krauchend.

„Was hast du diesmal gedrückt?“

„Ich dachte, ich versuche es mit ‚Auflösen‘.“

„Da würde ich mich jetzt aber doch langsam beim Hersteller beschweren.“

„Was jetzt?“

„So wie es aussieht, sind die Knöpfe ja tatsächlich mit unterschiedlichen Vorgängen verknüpft. Also würde ich sagen, du probierst einfach weiter.“

„Normalerweise würde ich sagen, das klingt wirklich gut. Aber hast du dir mal überlegt, was geschieht, wenn ich tatsächlich den Knopf drücke, der hier alles auflöst?“

„Du meinst, unsere Überlebenschancen sehen wenig rosig aus?“

„Vorausgesetzt, das funktioniert überhaupt.“

„Andererseits glaube ich nicht, dass wir uns durch diese Menge durchkämpfen können. Wenn Gakunen mit dem Zeug aus seinem komischen Monster Kompendium …“

„Es heißt Handbuch der Monster und ist ein unverzichtbares Standardwerk für jeden Jäger.“

„Ist gut, ich werde versuchen mich daran zu erinnern, wenn wir das hier überleben. Auf jeden Fall bin ich nicht sicher, wie unsere Chancen in einem direkten Kampf aussehen und wenn wir nichts tun, werden wir hier vermutlich einfach in Stücke gerissen.“

„Was du mir sagen willst, ist, dass wir sowieso keine Wahl haben und es für mich vielleicht die letzte Möglichkeit ist, auf Knöpfe zu drücken?“

„Wenn es das ist, was du meinen Worten entnimmst, soll es mir recht sein.“

„Gut, ich hatte schon befürchtet, du würdest lieber einen der Meißel verwenden wollen.“ Bevor Fidster noch etwas antworten konnte, drückte sie den Knopf, neben dem ‚Abkoppeln‘ stand. Wenig später tropfte einen giftig-grüne Flüssigkeit aus den Blasen und verteilte sich auf dem Boden. Einige der Golems wurden ebenfalls getroffen, nahmen jedoch keine Notiz davon.

„Das scheint sie nicht aufzulösen, also ist es entweder das, was sie töten sollte, oder die Nahrung. Auf zum nächsten.“

„Gib mir vorher noch den Meißel.“

„Nimm doch deinen eigenen.“

„Der liegt noch beim Professor. Er wollte ihn reparieren.“

„Dann nimm dein Schwert, ich hab jetzt keine Zeit, in meinem Rucksack herumzukramen.“

Während Cleene dabei war, langsam und voller Vorfreude den nächsten Knopf mit ihrem Finger anzusteuern, griff Fidster an ihren Gürtel und zog ihr Schwert aus der Scheide, um es gleich darauf Gakunen weiterzureichen.

„Hey! Das ist meins.“

„Du hast jetzt keine Zeit, mit deinem Schwert herumzuwedeln.“

„Gnimpf“, war das einzige was sie darauf erwidern konnte, nachdem ihr der Blick über die Schulter die Anzahl der Menschendinger auf dem Weg zu ihnen offenbart hatte.

„Meine Mutter hat immer gesagt: wer das Schwert nimmt, wird durch die Hellebarde sterben.“ Gakunen zierte sich ein wenig, die Waffe entgegenzunehmen, hielt sie aber nicht ungeschickter als der übliche Dorfbüttel.

„Deine Mutter scheint gar nicht so dumm zu sein.“

„Doch war sie. Es war keine Hellebarde sondern eine Partisane, die ihr das Leben nahm.“

„Wer achtet denn auf solche Unterschiede?“ Damit stieß Fidster seine Klinge in den nächstbesten Gegner, der ein wenig röchelte, zurückwankte, verwirrt auf seine Brust blickte und sich erneut in den Strom der Angreifer einreihte.

„Wenn dies tatsächlich Golems sind, hatte dein Monsterhandbuch Recht.“

Gakunen hieb gerade wild auf mehrere der Wesen ein, was ihn aber nicht daran hinderte, eine Antwort zu geben, auf die alle Anwesenden gerne verzichtet hätten.

„Nur dem Einfältige kommen günstige Einfälle.“

Fidsters schmerzverzerrtes Stöhnen wurde von dem Geräusch einer herunterplatschenden Flüssigkeit übertönt. Plötzlich war die ganze Höhle von einem Ekelerregenden Gestank erfüllt, der Cleene an die Kochkünste ihrer Mutter und Fidster an die Sporthalle seines Internats erinnerte.

„Das war jetzt der Nahrungsknopf. Ich vermute, dass das dann das Zeug ist, welches sie eigentlich töten soll. Meine Nase hat es bereits getötet.“

„Du Glückliche!“

„Jeder ist seines Glückes Böttcher.“

„Aaaahhhhh! Drück den verdammten letzten Knopf. Ich halte das nicht mehr lange aus.“

Ein letztes Mal hörten sie ein Rumpeln durch die Schläuche gehen und wenig später floss eine letzte Flüssigkeit auf den Höhlenboden herunter. Die beißenden Dämpfe ließen die Nase jeden der anderen Gerüche vergessen, was nur für einen kurzen Augenblick angenehm war. Jene Dinger, die direkt von der Flüssigkeit getroffen worden waren, begannen augenblicklich zu schreien. Es waren Töne, die jeglichen Zweifel beseitigten, dass es sich bei diesen Wesen um Menschen handeln könnte. Laut, krächzend und schrill klang es bald von überall her. Einige, die ursprünglich verschont geblieben waren, begannen bald abwechselnd ihre Füße zu heben, weil sich die Säure durch ihre Sohlen fraß.

Der Druck auf die drei Entdecker ließ nach. Dafür sahen sie sich jetzt einem neuen Problem gegenüber: Das, was ihre Gegner aufhielt, floss auch in ihre Richtung und keiner von ihnen wollte Bekanntschaft mit diesen Zeug machen.

„Sieht einer einen Ausweg?“

„Wir könnten an dem Bottich hochklettern und oben festhalten. Was uns nicht verätzt macht uns härter.“

„Und wie hart bist du bereits, dass du dich da lang genug festhalten willst, bis die Säure nicht mehr ätzend ist.“

„Fidster hält sich höchstens eine Minute lang an einer der der Stangen fest.“

„Danke für den konstruktiven und zuversichtlichen Einwurf.“

„Bitte, gern geschehen. Kann ich jetzt mein Schwert wieder haben?“

„Willst du dir den Weg freikämpfen?“

„Erscheint mir sinnvoll. Wenn wir uns schnell am Höhlenrand entlangkämpfen, schaffen wir es vielleicht noch rechtzeitig, bevor der ganze Boden bedeckt ist.“

„Und mit was soll ich kämpfen? Der Friedfertige mag ja keinen Anlass zum Umwickeln eines Schwertgriffes sehen, aber der Bedrängte macht sich trotzdem in die Hose.“

„Das Sprichwort kannte ich noch nicht. Hat es für dich Sinn ergeben?“

„Ich glaube schon. Ich kann es kaum fassen, zwei unwahrscheinliche Ereignisse auf einmal: Gakunen liefert ein richtiges Sprichwort und du machst einen guten Vorschlag. Nur vielleicht eine Ergänzung: Du nimmst den Chaosmeißel und Gakunen behält dein Schwert.“

„Bist du sicher, dass das so eine gute Idee ist? Wer weiß, welche Zerstörung ich damit anrichte? Ich meine, wenn ich nur einmal falsch ziele, könnte die ganze Decke einstürzen.“

„Es ist unsere einzige Waffe, mit der wir größeren Schaden als mit den Schwertern anrichten können. Der Professor darf nur nichts davon erfahren.“

Cleene grinste breit. „Ich wollte nur sicher gehen, dass du weißt, um was du mich bittest. Ach, was für ein schöner Tag.“

Und so begannen sie sich aus der Höhle heraus zu kämpfen. Cleene vorne weg, gefolgt von Fidster, Gakunen bildete das Schlusslicht. Als sie ungefähr die Hälfte ihres Weges zurückgelegt hatten, war bereits ein Großteil des ihnen am nächsten gelegenen Gerüsts eingestürzt und von den Blasen wehten nur noch Fetzen durch den Saal. Cleene gelang es tatsächlich ab und zu, nicht laut zu lachen. Doch dann gab die Energiezelle des Chaosmeißels ihren Geist.

„Jetzt wird es wohl etwas schwieriger, das vor dem Professor geheim zu halten. Gib mir mein Schwert!“ Widerstrebend reichte Gakunen die mit einer schleimigen Flüssigkeit bedeckten Waffe nach vorne, nachdem er gerade noch auf den Schädel eines Menschendings eingehauen hatte. Er konnte ihre Gegner ohne das Licht der Fackel nur noch erahnen und wäre vermutlich ganz im Dunklen getappt, wenn nicht eine der Flüssigkeiten leicht phosphoresziert hätte. Dank der Säure war die Gegenwehr inzwischen zwar immer schwächer geworden, trotzdem war sie immer noch vorhanden, weswegen er dankbar dafür war, wenigstens die Möglichkeit besaß, die Angreifer ausmachen zu können.

Es reichte jedoch nicht aus.

Die ersten Lichtschimmer des Ausgangs machten das Tragen der Nachtsichtbrillen bereits zu einem Problem, als ihr Führer plötzlich einen Entsetzensschrei ausstieß. Er fiel gegen Fidster und ließ einen weiteren Schrei hören, als er den Boden erreichte.

„Hilfe! Einer hat mich wie ein verhedderter Schnürsenkel am Fuß gepackt.“

„Kräftig treten.“

„Er läßt nicht los.“

„Wir sollten ihm helfen.“

„Du stehst ihm näher. Ich verteidige uns weiter.“

Fidster packte eine Hand des Mannes und zog daran.

„Ah, das tut weh. Er hält mich so fest wie ein Schraubstock einen Vogel hält. Es nützt nichts. Kümmert euch nicht um mich. Rettet euch selbst.“

Der etwas pathetische Ton der letzten Sätze mochte ein Zeichen dafür sein, dass Gakunen es nicht ganz so gemeint hatte, aber wer wollte schon etwas in seine Aussagen hineininterpretieren. Fidster zuckte mit den Schultern und Cleene rief: „Dann lass ihn liegen.“

Als Fidster ein letztes Mal zurückblickte, bewegte sich Gakunen bereits nicht mehr und sein Körper war auf seltsame Weise zusammengeknüllt, so dass die Position der Arme über den Beinen stark an das heilige Symbol der Mrianer erinnerte, welches einen geräderten darstellte.

Er erzählte Cleene seine Beobachtung, was sie aber als unerheblich abtat. Innerlich rumorte es jedoch in ihr, denn die Erwähnung der Mrianer rief ihr das Schild am Bottich in Erinnerung und sie bekam eine düstere Ahnung, was es darstellen könnte.

 

Verwendete Tropen

x http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/UterineReplicator
x http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/DIYDisaster
x http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/BluntMetaphorsTrauma
x http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/CrucifiedHeroShot
x http://tvtropes.org/pmwiki/pmwiki.php/Main/RPGMechanicsVerse

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